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Neu im Quartier

Am 1. September sind wir von einem 12-Zimmer-Pfarrhaus in Muri zu Viert in eine 4-Zimmerwohnung am Breitenrainplatz gezogen. Grossartig, was man alles so weggeben kann, ohne sich ärmer zu fühlen. Im Gegenteil: Die materielle Verkleinerung hat sich beim letztmaligen Haustüreschliessen unverzüglich in einem wunderbaren Gefühl neuer Leichtigkeit ausgedrückt.

Aus diesem Gefühl heraus, konnte der „Breitsch" als unser neues Zuhause natürlich nur gewinnen. Schon anlässlich der Wohnungsbesichtigung staunten wir beim anschliessenden Bier, wieviele Menschen an einem ganz normalen Nachmittag unterwegs waren, Alte, Junge, mit Hund, ohne, mit Kinderwagen, mit Einkaufswagen. Viele mit genügend Zeit, um auch mal für einen Schwatz stehenzubleiben.
Nach vielen Jahren in Muri war das schon fast ein Kulturschock: Am Abend leeren sich die Strassen in Muri schnell, im Breitsch (jedenfalls im Sommer) füllen sie sich nach Feierabend. Letzthin habe ich einen Kulturflüchtling aus der steueroptimierten Gemeinde Muri erkannt. Ich habe ihm versichert, dass ich gerne etwas mehr Steuern zahle und dafür zu Fuss nach Hause finde.
Es setzte eine längere Diskussion ab über Wurzeln und Folgen des ungebremsten Kapitalismus – ich weiss nicht mehr, wer gewonnen hat. Mir kam noch die Abstimmung in Muri über die Bauordnung in den Sinn, die verdichtetes Bauen in der Gemeinde ermöglichen sollte. Wurde abgelehnt. Ist ja auch klar: Villen kann man nicht verdichtet bauen. Der Breitsch ist in einem menschlichen Mass vor langer Zeit verdichtet erbaut worden, 5-geschossige Wohnhäuser wirken weder bedrohlich, noch leben die Menschen anonym.
Im Einkaufszentrum von Muri parken ziemlich viele panzerartige Vehikel, mit denen man problemlos die gegenwärtig aperen Skipisten von Adelboden erklimmen könnten. Beladen werden diese Autos dann mit 2 Flaschen Mineralwasser und ein paar „Slowfood"-Artikeln. Im Breitsch parken ziemlich viele Velos, manche mit Anhänger für Kinder plus Einkauf (gebe zu, dass ich auch schon Autos in die Garage habe fahren sehen).

Natürlich ist es unfair, die Elisabethenstrasse mit der Thunstrasse in Muri zu vergleichen, die eine Durchgangsstrasse ist (Assoziation morgens um 7: „da musst du durch").
Mit meinem Blick vom Schreibtisch auf diese Strasse konnte ich feststellen, dass nur wenige Autofahrer für SchülerInnen am Fussgängerstreifen anhielten. Man konnte den Eindruck gewinnen, die (womöglich eigenen Kinder) seien primär ein Hindernis für den optimalen Verkehrsfluss. Im Breitsch scheint es eher so, als seien die Autos als notwendiges Übel akzeptiert: Hier und da schaut mich so ein Auto mit einem etwas verschämten Blick an, wogegen andere fast trotzig übermässig beschleunigen.

Ich nehme an, das sei eine Folge von jahrelangem politischem Einsatz mancher QuartierbewohnerInnen – einen riesigen, herzlichen Dank an all diese unbekannten Wohltätigen!

Sowohl in Muri, wie auch im Breitsch, leben wunderbare Menschen. In Muri durfte ich dank meines Berufes einige davon näher kennenlernen. Ohne Kinder, Hund oder Turnverein, ist es in Muri nicht leicht, sozial Fuss zu fassen. Im Breitsch ging das für uns bisher schon ganz gut ohne berufliche Verbindungen.

 Nein, das Paradies ist der Breitsch auch nicht, aber ein Ort, an dem Manches einfach in menschlichen Dimensionen abläuft. Hoffentlich liest man das hier in Muri nicht: wenn die alle hierher ziehen, steigen die Mieten und wir müssen wieder weg...

 

Text: Philippe Stalder

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